Klarheit mit Geschwistern in der Geschäftsführung
Geschwister in der Geschäftsführung: Vertrauensvorsprung mit Konfliktpotenzial
Geschwister kennen sich meist länger als alle anderen Menschen in ihrem Leben. Sie wissen, wie der andere unter Druck reagiert, worin seine Stärken liegen und welche Themen besser nicht zwischen Tür und Angel angesprochen werden. Was am Familientisch manchmal anstrengend sein kann, wird im Unternehmen unter den richtigen Voraussetzungen zu einem echten Vorteil.
Ein aktueller Beitrag der BILANZ porträtiert mehrere Schweizer Unternehmen, die von Brüdern geführt werden. Trotz unterschiedlicher Branchen berichten die Geschwister von ähnlichen Stärken: viel Vertrauen, kurze Entscheidungswege, ein direkter Wissensaustausch und ein gemeinsamer Blick auf die langfristige Entwicklung des Unternehmens.
Vertrauen, das nicht erst aufgebaut werden muss
In einer gewöhnlichen Geschäftsleitung braucht es Zeit, bis sich die Beteiligten wirklich kennen. Wie belastbar ist eine Zusage? Wie offen kann Kritik formuliert werden? Steht hinter einem Einwand eine sachliche Überlegung oder ein persönliches Interesse?
Geschwister bringen auf viele dieser Fragen bereits Antworten mit. Diese Vertrautheit kann Abstimmungen vereinfachen, Entscheidungen beschleunigen und zu einer sehr direkten Kommunikation führen. Gerade für KMU ist dieser Vertrauensvorsprung wertvoll. Wo Ressourcen begrenzt sind und Entscheidungen nicht über zahlreiche Hierarchiestufen laufen, kann ein gut eingespieltes Geschwisterteam schnell reagieren.
Doch die gemeinsame Geschichte bringt nicht nur Vorteile mit sich.
Die Familie verschwindet nicht an der Bürotür
Wer mit einem Bruder oder einer Schwester zusammenarbeitet, bringt auch alte Rollen mit ins Unternehmen: der ältere Bruder, der schon früher den Ton angegeben hat. Die jüngere Schwester, deren Ideen lange weniger ernst genommen wurden. Oder eine Konkurrenz, die bereits im Kinderzimmer begonnen hat.
Solche Muster sind menschlich. Problematisch werden sie, wenn sie nicht erkannt und angesprochen werden. Dann wird aus einer fachlichen Diskussion schnell ein familiärer Konflikt – oder umgekehrt.
Auch die Trennung zwischen Beruf und Privatleben kann schwierig werden. Wenn strategische Fragen am Sonntagstisch weiterdiskutiert werden und ein geschäftlicher Konflikt den nächsten Familienanlass überschattet, fehlen Räume, um Abstand zu gewinnen. Mitarbeitende spüren zudem meist schnell, wenn Entscheidungen nicht allein aufgrund sachlicher Kriterien getroffen werden.
Gemeinsame Führung braucht klare Regeln
Erfolgreiche Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass immer Einigkeit herrscht. Unterschiedliche Sichtweisen können wertvoll sein. Entscheidend ist, wie Geschwister mit diesen Differenzen umgehen.
Am Anfang stehen klare Rollen und Verantwortlichkeiten: Wer führt welchen Bereich? Wo darf eine Person selbstständig entscheiden? Welche Themen werden gemeinsam behandelt? Und was geschieht, wenn keine Einigung möglich ist?
Diese Fragen wirken zunächst nüchtern. Sie schaffen jedoch den notwendigen Freiraum für eine funktionierende Zusammenarbeit. Sind Zuständigkeiten klar geregelt, muss nicht jede operative Entscheidung gemeinsam getroffen werden. Gleichzeitig wird verhindert, dass sich Geschwister gegenseitig übergehen oder Mitarbeitende je nach gewünschter Antwort an unterschiedliche Familienmitglieder gelangen.
Ebenso wichtig sind feste Gesprächsgefässe. Geschäftliche Konflikte sollten im Unternehmen geklärt werden und nicht erst beim nächsten privaten Treffen. Regelmässige Gespräche über Strategie, Zusammenarbeit und gegenseitige Erwartungen helfen, Spannungen früh wahrzunehmen.
Je nach Situation kann zusätzlich eine externe Perspektive sinnvoll sein. Ein unabhängiger Verwaltungsrat, ein Beirat oder eine moderierte Begleitung bringt keine familiäre Vorgeschichte mit. Dadurch lässt sich besser zwischen persönlichen Anliegen und unternehmerischen Notwendigkeiten unterscheiden.
Besonders anspruchsvoll wird es bei der Nachfolge
Häufig entsteht eine gemeinsame Geschäftsführung im Zuge einer familieninternen Nachfolge. Mehrere Kinder möchten Verantwortung übernehmen oder sollen gleichberechtigt beteiligt werden. Was fair klingt, führt jedoch nicht automatisch zu einer tragfähigen Führungsstruktur.
Gleiches Eigentum bedeutet nicht zwingend gleiche operative Verantwortung. Geschwister unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, Interessen und Erfahrungen. Eine gute Nachfolgelösung berücksichtigt diese Unterschiede, statt sie aus Rücksicht auf den Familienfrieden zu überdecken.
Neben Funktionen und Anteilen sollten deshalb auch Entscheidungsrechte, Vergütungen, Erwartungen und mögliche Ausstiegsszenarien geklärt werden. Eine Family Charta kann dabei einen verbindlichen Rahmen schaffen. Darin lassen sich gemeinsame Werte, Rollen und Grundsätze für den Umgang mit Konflikten festhalten – idealerweise, bevor ein konkreter Streit entsteht.
Das Beste aus zwei Welten
Geschwister an der Unternehmensspitze können eine aussergewöhnlich starke Kombination bilden. Ihr Vertrauen ist über Jahre gewachsen, ihr Wissen übereinander tief und ihr Interesse am langfristigen Bestehen des Unternehmens oft eng miteinander verbunden.
Doch familiäre Nähe ersetzt keine professionelle Führung. Sie entfaltet ihre Stärke erst dann vollständig, wenn Verantwortlichkeiten klar sind, Konflikte offen bearbeitet werden und Familie, Eigentum und Geschäftsführung bewusst voneinander unterschieden werden.
Bei Schmid + Partner begleiten wir Familienunternehmen dabei, genau diese Fragen frühzeitig zu klären – in der Strategie, bei der Gestaltung von Führungsstrukturen und im Rahmen der Unternehmensnachfolge. Denn am Ende sollte nicht nur das Unternehmen erfolgreich weitergeführt werden. Auch die Geschwister sollten sich nach einer schwierigen Entscheidung noch gerne am Familientisch begegnen.

